Afghanistan Analysts Network – English

AAN in the Media

Afghanistan: Gegen Scham und Straflosigkeit

2 min

Wiener Zeitung, 6 February 2015

A reportage (in German) about Khatera, a young Afghan woman raped by her own father and her fight for survival, against her own family, the local mullah and corrupt officials.

The report quotes AAN’s Thomas Ruttig about corruption in the Afghan judiciary and from Wazhma Samandary’s AAN dispatch about domestic violence against Afghan women:

Thomas Ruttig, Afghanistan-Experte und Co-Direktor des Afghanistan Analyst Networks (AAN) kennt zwar die Details zu Khateras Gerichtsverhandlung nicht, kann sich den Aufruf des Richters aber durchaus vorstellen. “Laut der kürzlich erfolgten Umfrage einer afghanischen Nichtregierungsorganisation gehört das Justizwesen zu den Top-3-Institutionen, was Korruption betrifft”, sagt er. Es könne daher sein, dass man Beweislast und die Last, für Beweise zu zahlen, “mal gerne auslagert”.

Khateras Geschichte reiht sich ein in eine Reihe von Fällen von Gewalt an Frauen in Afghanistan, die in den vergangenen zwei Jahren bekannt wurden. “Die Aufmerksamkeit für solche Fälle ist insgesamt gestiegen, gleich wie das Bewusstsein, dass diese Fälle ein Problem für die afghanische Gesellschaft darstellen”, sagt Ruttig. Auf der anderen Seite verstärke das vermehrt kämpferische Auftreten von Frauen gegen Gewalt aber auch die Gegenwehr konservativer Kräfte. Diese würden alles, was mit Frauenrechten zu tun habe, als westliche Erfindung und der afghanischen Gesellschaft fremd bekämpfen, sagt Ruttig. “Das ist durchaus ein Feld sehr heftiger politischer Auseinandersetzungen.”

Manche Aktivistinnen befürchten aber auch, dass die Berichte über Gewalt an Frauen Nachahmungstäter hervorrufen. “Manche Gewalttaten wie das Abschneiden einer Nase könnten angestiegen sein, weil Männer die Verbrechen kopieren, von denen sie hören”, zitiert das AAN die Frauenrechtlerin Qazi Fawzia in einem Bericht.

Die verstärkte Mobilisierung durch Frauen- und Menschenrechtsorganisationen führt neben mehr Aufklärung aber auch zu Forderungen von gesetzlichen Verbesserungen. “Frauen haben rechtlich oft noch eine mindere Position”, sagt Ruttig. Zudem würden etwa im Gesetz über Vergewaltigungen schwerere Strafen darauf stehen, eine verheiratete Frau zu missbrauchen, als eine unverheiratete. Denn die verheiratete Frau habe einen Besitzer, der geschädigt wurde. “Das sind im Grunde genommen Besitzrechtsansprüche, die da verhandelt werden, und nicht Verbrechen gegen die körperliche Integrität”, sagt Ruttig.

Was sehr oft bei Vergewaltigungsfällen in Afghanistan – und insbesondere auch bei Khatera – ins Spiel gebracht wurde, ist der Verdacht, sogar von Frauenrechtlern ausgedrückt, sie selbst müsse amoralisch gewesen sein. “Den Opfern wird also letztendlich unterstellt, dass sie zumindest eine Mitschuld tragen, dass sie bestimmte Verhaltensweisen an den Tag gelegt haben, die Vergewaltigungen herausgefordert haben”, so der Experte.